top of page

Europäische Cloud-Alternativen – ein Überblick

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Zwischen GAIA-X und konkreter Nutzung: Was für Unternehmen heute relevant ist


Die Debatte um europäische Cloud-Infrastruktur ist alt. Konkrete Optionen für Unternehmen sind es nicht. Was gibt es heute, und für wen lohnt sich der genauere Blick darauf?


Warum die Herkunft eines Cloud-Diensts eine unternehmerische Frage ist


85 Prozent der deutschen Unternehmen halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern. Vor einem Jahr lag dieser Anteil noch bei 78 Prozent [1]. 80 Prozent wünschen sich große Cloud-Anbieter aus Deutschland oder Europa, die mit den globalen Marktführern mithalten können [1].


In Österreich zeigt die A1 Business Studie 2026 ein ähnliches Bild: 77 Prozent der Unternehmen empfinden sich als stark oder eher abhängig von digitalen Technologien, und nur 12 Prozent haben eine Strategie zur digitalen Souveränität bereits umgesetzt [2].


Diese Zahlen beschreiben eine Erwartung, keine Realität. Die US-Hyperscaler Amazon, Microsoft und Google kontrollieren derzeit rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Markts. Europäische Anbieter kommen zusammen auf etwa 15 Prozent, ein Anteil, der seit 2022 stabil geblieben ist [3].


Die Herkunft eines Cloud-Diensts ist damit keine symbolische Frage. Sie entscheidet, welchem Rechtsraum Ihre Daten unterliegen, welche Behörden im Zweifel Zugriff verlangen können und wie verhandelbar Ihre Vertragsbedingungen sind. Für Unternehmen mit sensiblen Daten, regulierten Branchen oder öffentlichen Auftraggebern als Kunden ist das eine strategische, keine ideologische Entscheidung.


Was europäische Anbieter heute leisten


Mehrere europäische Anbieter haben sich in den vergangenen Jahren als ernstzunehmende Alternative etabliert: STACKIT von der Schwarz-Gruppe, IONOS Cloud, die Open Telekom Cloud von T-Systems und OVHcloud aus Frankreich mit deutschen Standorten [4].


Bei klassischen Infrastrukturdiensten ist der Unterschied zu den Hyperscalern inzwischen gering. Rechenleistung, Speicher, Netzwerk, verwaltete Datenbanken und Kubernetes-Cluster gehören bei allen vier Anbietern zum Standardangebot [5]. Auch S3-kompatibler Objektspeicher ist durchgängig verfügbar [5].


OVHcloud erfüllt zusätzlich die Anforderungen des französischen SecNumCloud-Zertifikats der Cybersicherheitsbehörde ANSSI, ein Nachweis für besonders hohe Sicherheits- und Souveränitätsstandards [4]. Die Open Telekom Cloud wiederum verfügt über die BSI-C5-Testierung, die auch im öffentlichen Sektor als Referenz gilt [4].


Auch am österreichischen Markt gibt es einen relevanten heimischen Anbieter: Alexander Windbichler gründete Anexia 2006 in Klagenfurt. Das Unternehmen betreibt heute mehr als 100 Rechenzentrumsstandorte weltweit und zählt rund 210.000 Unternehmen zu seiner Kundschaft [6]. Anexia bietet maßgeschneiderte Cloud- und Managed-Services und positioniert sich ausdrücklich als unabhängige, europäische Alternative zu den US-Hyperscalern [6]. Daneben hat A1 Telekom Austria ein eigenes Souveränitätsportfolio aufgebaut: die A1 Private Cloud als heimische souveräne Cloud sowie eine Beteiligung an der europäischen Open-Source-Plattform Exoscale [2].


Wo die Grenzen liegen – und wie relevant Gaia-X wirklich ist


Die Unterschiede zwischen europäischen Anbietern und Hyperscalern zeigen sich vor allem bei spezialisierten Diensten. Echtes Serverless Computing bietet unter den größeren Anbietern nur die Open Telekom Cloud mit ihrem Dienst FunctionGraph an [5]. Bei KI- und ML-Diensten bietet die Open Telekom Cloud mit ModelArts ein breites Angebot, während IONOS und STACKIT bislang erste Modelle für Sprachverarbeitung bereitstellen, aber kein vollständiges Ökosystem für maschinelles Lernen [5].


An dieser Stelle lohnt ein ehrlicher Blick auf Gaia-X. Das Projekt ist 2019 mit dem Anspruch gestartet, eine europäische Antwort auf die US-Hyperscaler zu bauen. Diesen Anspruch hat es nicht eingelöst. Die Fachpresse diskutiert seit Jahren wiederkehrend, ob Gaia-X als gescheitert gelten muss [7]. Manche Beobachter kritisieren zudem, dass auch Microsoft, Amazon und Google zu den Mitgliedern zählen, und sehen darin einen Widerspruch zum Souveränitätsanspruch [8].


Gaia-X selbst weist diese Einordnung zurück und verweist auf eine veränderte Rolle. Nach Angaben der Gaia-X Association ist das Projekt kein Hyperscaler-Ersatz, sondern ein Rahmenwerk aus technischen Spezifikationen und Zertifizierungsregeln für souveränen, interoperablen Datenaustausch [9]. Konkret verweist die Association auf über 14 branchenspezifische Arbeitsgruppen im Gaia-X Hub Deutschland und mehr als 180 Anwendungsfälle europaweit, darunter Projekte wie Catena-X in der Automobilbranche [9].


Für die Praxis heißt das: Gaia-X gibt heute bei der Wahl eines Cloud-Anbieters selten den unmittelbaren Ausschlag. Es entwickelt sich als Zertifizierungs- und Interoperabilitätsstandard für bestimmte Branchen und Datenräume. Unternehmen, die an brancheninternen Datenökosystemen teilnehmen, profitieren davon stärker als Unternehmen, die schlicht einen IaaS- oder PaaS-Vertrag abschließen wollen.

Für die konkrete Anbieterwahl zählen deshalb andere Kriterien: Kernworkloads mit klarem Bedarf an Rechenleistung, Speicher und Standarddatenbanken verlagern Sie heute ohne größere Einschränkungen zu europäischen Anbietern. Spezialisierte Anwendungsfälle mit tiefem KI-Bedarf oder komplexem Event-Streaming erfordern dagegen eine genauere Prüfung im Einzelfall. Eine strukturierte Entscheidung berücksichtigt, welche Systeme tatsächlich Spezialdienste benötigen, welche europäische Kernservices bereits vollständig abdecken und wie hoch der eigene Bedarf an Datenlokalität und Rechtssicherheit ist.


Diese Prüfung führt meist zu einer bewussten Aufteilung: Europäische oder heimische Anbieter übernehmen Kernsysteme mit hohem Souveränitätsbedarf, während Hyperscaler dort zum Einsatz kommen, wo Spezialdienste den Ausschlag geben.


Haben Sie diese Aufteilung für Ihr Unternehmen bereits durchdacht, oder liegt die Anbieterwahl noch bei der IT-Abteilung allein?



Quellen

  1. Bitkom e. V. (2026): Presseinformation „Deutsche Cloud: 4 von 10 Unternehmen würden Abstriche in Kauf nehmen" – Cloud Report 2026. https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Deutsche-Cloud-4-von-10-Unternehmen-wuerden-Abstriche-in-Kauf-nehmen

  2. A1 Telekom Austria / Integral (2026): A1 Business Studie 2026 – Digitale Souveränität in Österreich. https://internetworld.at/a1-studie-digitale-souveraenitaet-wird-zur-entscheidenden-zukunftsfrage-fuer-oesterreichs-unternehmen/

  3. Synergy Research Group (2025): European Cloud Providers' Local Market Share Now Holds Steady at 15%. https://www.srgresearch.com/articles/european-cloud-providers-local-market-share-now-holds-steady-at-15

  4. Xomnia (2025): Navigating the European Cloud Landscape: Open Telekom Cloud, STACKIT, and OVHcloud in Focus. https://xomnia.com/post/navigating-the-european-cloud-landscape-open-telekom-cloud-stackit-and-ovhcloud-in-focus/

  5. iteratec GmbH (2026): EU Sovereign Cloud Teil 2 – Cloud-Services in der Praxis: Featureumfang und Portierbarkeit. https://explore.iteratec.com/blog/eu-sovereign-cloud-teil-2-cloud-services-in-der-praxis-featureumfang-und-portierbarkeit

  6. Anexia (2026): Anexia: Cloud Provider aus Österreich feiert Jubiläum. https://anexia.com/blog/de/anexia-cloud-provider-aus-oesterreich-feiert-jubilaeum/

  7. trendreport.de: Gaia-X versunken. https://trendreport.de/gaia-x-versunken/

  8. identity-economy.de: GAIA-X – zum Scheitern verurteilt? https://identity-economy.de/gaia-x-zum-scheitern-verurteilt

  9. it-daily.net (2025): Gaia-X lebt – und liefert (Kommentar von Ulrich Ahle, CEO Gaia-X Association AISBL). https://www.it-daily.net/it-management/cloud-computing/gaia-x-lebt-und-liefert

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page