Multi-Cloud, Hybrid oder On-Premises – welche Strategie passt wann?
- 36digital
- 28. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Keine Architektur ist per se besser. Die richtige hängt von Ihrer Situation ab.
Die Diskussion um Cloud-Strategien verläuft oft ideologisch. Dabei ist die Frage pragmatischer: Welche Architektur passt zu Ihrer Datensensibilität, Ihrer Infrastruktur und Ihren Zielen?
Was die drei Architekturmodelle konkret bedeuten
Multi-Cloud bezieht Dienste bewusst von mehreren Cloud-Anbietern gleichzeitig, etwa um Spezialdienste unterschiedlicher Hyperscaler zu kombinieren oder Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter zu verringern. Hybrid-Cloud verbindet private Infrastruktur mit öffentlichen Cloud-Diensten und verschiebt Workloads flexibel zwischen beiden Umgebungen. Beim On-Premises-Modell laufen Systeme vollständig in eigener Infrastruktur, mit maximaler Kontrolle und entsprechend hohem Betriebsaufwand.
In der deutschen Praxis überwiegt bereits eine Mischform. Laut dem Bitkom Cloud Report 2026 setzen 34 Prozent der Unternehmen auf Hybrid-Cloud und 38 Prozent auf Multi-Cloud [1]. Reine On-Premises-Umgebungen sind damit für viele Unternehmen eher Ausnahme als Standard geworden.
International zeigt sich ein ähnliches Bild. Laut dem Flexera 2026 State of the Cloud Report setzen 73 Prozent der Unternehmen in der Befragung auf ein Hybrid-Modell, drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr [2]. Bemerkenswert ist dabei die Begründung: Der Report weist ausdrücklich darauf hin, dass Multi-Cloud-Wachstum häufig durch Unternehmenszukäufe oder isolierte Anwendungslandschaften entsteht, nicht durch bewusste strategische Entscheidung [2]. Isolierte Anwendungen in getrennten Umgebungen bleiben laut Flexera der häufigste Grund für Multi-Cloud-Setups, während gezielte Workload-Platzierung nach Leistung oder Kosten die Ausnahme bleibt [2].
Diese Beobachtung ist der eigentliche Kern des Themas: Die Architektur vieler Unternehmen ist historisch gewachsen.
Für österreichische Unternehmen bestätigt sich dieses Muster. Die A1 Business Studie 2026 von A1 und dem Marktforschungsinstitut Integral zeigt: Erst 12 Prozent der Unternehmen haben eine Strategie zur digitalen Souveränität bereits umgesetzt, 25 Prozent befinden sich in der Umsetzung, und 29 Prozent stecken noch in der Planungsphase [3]. Vendor Lock-in nennen 53 Prozent der Befragten als eines der größten Hindernisse auf dem Weg dorthin [3].
Welche Faktoren die Wahl bestimmen sollten
Eine bewusste Entscheidung für eine Architektur berücksichtigt mehrere Faktoren gleichzeitig, und keiner davon steht für sich allein.
Datensensibilität und Regulatorik. Personenbezogene, wettbewerbskritische oder branchenspezifisch regulierte Daten stellen andere Anforderungen als öffentlich zugängliche Inhalte. Je höher die Sensibilität, desto stärker spricht das für private oder europäische Infrastruktur mit klaren Kontrollrechten.
Kritikalität der Systeme. Nicht jedes System verträgt dieselbe Ausfalltoleranz. Kernsysteme mit hoher Verfügbarkeitsanforderung profitieren von redundanter Auslegung über mehrere Umgebungen. Weniger kritische Anwendungen benötigen diesen Aufwand oft nicht.
Interne Kompetenz und Betriebsaufwand. Multi-Cloud- und Hybrid-Architekturen erhöhen die Komplexität im Betrieb spürbar. Ohne dedizierte Teams für Governance und Kostenkontrolle wächst der Koordinationsaufwand schneller als der Nutzen.
Kostenstruktur über die Zeit. Cloud-Kosten verhalten sich anders als Investitionen in eigene Hardware. Variable Kosten bieten Flexibilität, erschweren aber die langfristige Budgetplanung, wenn niemand sie aktiv steuert.
Typische Fehler entstehen genau an diesen Punkten. Der häufigste: Eine Architektur entsteht aus mehreren unabhängigen Einzelentscheidungen statt aus einer gemeinsamen Zielsetzung. Ein zweiter verbreiteter Fehler folgt daraus fast zwangsläufig: fehlende zentrale Governance über Kosten, Zugriffsrechte und Datenflüsse hinweg. Und ein dritter, oft übersehener Fehler: Entscheider:innen treffen Architekturentscheidungen, ohne die spätere Wechselfähigkeit mitzudenken.
Wie eine strukturierte Bewertung aussieht
Eine strukturierte Bewertung beginnt nicht bei der Technologie, sondern beim Anwendungsfall. Für jedes wesentliche System lohnt sich eine Einordnung entlang dreier Fragen: Wie sensibel sind die verarbeiteten Daten? Wie kritisch ist die Verfügbarkeit für den Geschäftsbetrieb? Und welche Kompetenzen und welches Budget stehen für den laufenden Betrieb zur Verfügung?
Aus dieser Einordnung leiten Sie eine Architektur pro System ab, statt eine einzige Entscheidung für das gesamte Unternehmen zu erzwingen. Ein Kundenportal mit hoher Skalierungsanforderung und geringer Datensensibilität kann in der Public Cloud eines Hyperscalers gut aufgehoben sein. Ein System mit personenbezogenen Gesundheits- oder Finanzdaten verlangt womöglich eine private oder europäische Umgebung mit klaren vertraglichen Zusicherungen.
Wichtig ist dabei die Reihenfolge: Erst die Anforderungen der einzelnen Systeme klären, dann die passende Architektur zuordnen. Nicht umgekehrt.
Ist Ihre aktuelle Cloud-Architektur das Ergebnis einer solchen Bewertung, oder das Ergebnis vieler einzelner Entscheidungen, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben?
Quellen
Bitkom e. V. (2026): Cloud Report 2026 – Studienbericht. https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Cloud-Report-2026
Flexera (2026): 2026 State of the Cloud Report. https://info.flexera.com/CM-REPORT-State-of-the-Cloud
A1 Telekom Austria / Integral (2026): A1 Business Studie 2026 – Digitale Souveränität in Österreich, zitiert nach brutkasten: Digitale Souveränität in Österreichs Unternehmen: Aktuell dominiert noch die Planung. https://brutkasten.com/artikel/digitale-souveraenitaet-in-oesterreichs-unternehmen-aktuell-dominiert-noch-die-planung




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